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Karel Ancerl

Karel Ančerl wurde am 1908 in Tucapy in Südböhmen geboren. Er kam mit elf Jahren aufs Gymnasium nach Prag, verließ es aber nach vier Jahren ohne Wissen der Eltern – die ihn später gern als Juristen gesehen hätten – und besuchte seither das Konservatorium in Prag, wo er Komposition, Dirigieren und Schlaginstrumente studierte. Seine Ausbildung in Komposition erhielt er bei Professor Haba (dem „Vierteltönler“), ein weiterer wichtiger Lehrer war Václav Talich, der damalige Chefdirigent der Tschechischen Philharmonie. Ančerl begann seine musikalische Laufbahn in München, wo er 1930 als Korrepetitor von Hermann Scherchen die Uraufführung der Vierteltonoper Die Mutter von Alois Haba vorbereitete. Seine Lehrmeister als Dirigenten waren dann vor allem Erich Kleiber und Bruno Walter, noch mehr aber Furtwängler, der ihn während eines viermonatigen Berlin-Aufenthalts an allen Proben teilnehmen ließ. Als seine wichtigste Begegnung bezeichnete er sein 1932 in Wien erfolgtes Zusammentreffen mit Alban Berg. Nach einem in Berlin, Dresden und München verbrachten „Lehrlingsjahr“ als Kapellmeister war er von 1933 bis 1939 als Tonregisseur beim Tschechischen Rundfunk tätig, bis er nach dem Einmarsch der Wehrmacht und der Annexion Tschechiens alle Ämter verlor und 1942 ins KZ Theresienstadt deportiert wurde. Die Filmaufnahmen des nationalsozialistischen Propagandafilms Theresienstadt zeigen ihn in einer Szene, wie er unter Zwang das KZ-Orchester zu dirigieren hatte. Als Einziger seiner Familie und fast aller Darsteller des Films überlebte er die anschließende Haft im KZ Auschwitz-Birkenau wie durch ein Wunder. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wirkte Ančerl u. a. an der Prager Oper des 5. Mai als künstlerischer Direktor, bevor er am 1. September 1947 Chefdirigent des Prager Rundfunksinfonieorchesters wurde. Im Oktober 1950 wurde Ančerl zum künstlerischen Direktor der Tschechischen Philharmonie ernannt, der er in den folgenden Jahren bis 1968 einen Spitzenplatz unter den Orchestern des Ostblocks sicherte und Einladungen in die ganze Welt einbrachte. Ančerl erweiterte das Repertoire vor allem um moderne Musik (Schönberg, Bartók, Britten) und setzte sich mit Hingabe
auch für unpopuläre Komponisten seines Heimatlandes wie Bohuslav Martinů ein. Er leitete die Tschechische Philharmonie auf ausgedehnten Tourneen nach Neuseeland, Australien, Japan, China, Indien und in die Sowjetunion (1959), später auch in die USA und nach Kanada; des Weiteren war er mit dem Orchester in zahlreichen europäischen Ländern zu Gast und wurde immer öfter eingeladen, international wichtige Orchester zu dirigieren. Nach den Ereignissen von 1968 emigrierte Ančerl nach Kanada und leitete dort bis 1972 das Toronto Symphony Orchestra. Karel Ančerl starb 1973 in Toronto.

Discographie

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