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Kalandos Ensemble

Wenn ein Nicht-Zigeunermusiker eine Ungarische Kapelle gründet und diese sogar selber als Primás leitet, kann dieses Unterfangen ohne weiteres als abenteuerlich bezeichnet werden. Genau dies geschah als der Niederländische Geiger Karel Boeschoten im Frühling 2002 die Gruppe Kalandos (= abenteuerlich auf Ungarisch) gründete. Seither gab Kalandos mit grossem Erfolg Konzerte in der Schweiz, Deutschland, Frankreich und Ungarn. Die Basis des Ensembles formen die beiden Musiker Karel Boeschoten (Violine) und János Rigó (Cimbalom). Die weiteren Musiker werden aus einer festen Gästenliste hinzu gezogen, da Zigeunermusikanten oft über längere Zeit fest bei Kapellen engagiert sind, und somit nicht immer für einzelne Konzerte im Ausland verfügbar sind.

Karel Boeschoten (Primás, Violine)

Der Niederländer Karel Boeschoten verkörpert den heute seltenen Typus der umfassenden Musikerpersönlichkeit. Das geigerische Handwerk erwarb er sich bei Herman Krebbers (Amsterdam) und Igor Ozim (Köln). Als Mitglied des Concertgebouw Orkest Amsterdam (bis 1981) und der Camerata Bern (bis 1994) spielte er in führenden Orchestern mit, 2004 wirkte er als Gast- Konzertmeister beim Orchestra Filarmonica della Scala di Milano. Zusammen mit Kammermusikpartnern wie Thomas Füri, Ivry Gitlis, Vladimir Mendelssohn, Robert Mann und Thomas Demenga pflegt er eine Tradition des spontanen Musizierens, die ihn später auch zur Improvisation geführt hat: Als Mitglied des European Chaos String Quintet trat er europaweit auf. Als Komponist schrieb er selber mehrere Solowerke für Violine. Sein Violinkonzert wurde 2001 in den Niederlanden uraufgeführt, seine Suite Extravaganza 2002 am Boswiler Sommer. Mehrere Werke widmete ihm der rumänische Komponist Dan Dediu, dessen Violinkonzert Nuferi er 2004 in Zürich zur Uraufführung brachte. Als musikalischer Partner gestaltete er die Auftritte der Flamenco-Tänzerin Nina Corti wesentlich mit. Mit Pierre Favre musizierte er am Lucerne Festival, mit Stephan Eicher am Jazz Festival Montreux. Die rumänische Volksmusik inspirierte ihn 1998 gemeinsam mit Marius Ungureanu zum Ensemble Drum, das Klassik, Improvisation und rumänische Volksmusik virtuos und gefühlvoll miteinander verschmelzen lässt. Mit der Formation Kalandos setzt er sich seit 2002 kreativ mit ungarischer Volks- und Zigeunermusik auseinander. Seine gestalterische Phantasie verhilft stets neu zu überraschenden Erlebnissen. Dank seiner physischen Präsenz, gelegentlich auch verbunden mit einem clownesken Moment ist Boeschoten ein gefragter Performer. So wurde er mehrmals als special guest an den Boswiler Musiksommer und an das Davoser Festival eingeladen. In einem eigenen Festival, den Seelscheider Tagen der Musik verwirklichte er bis 2002 seine originellen Programmideen und seit November 2005 tritt Boeschoten mit seinem neuen Programm „Die Wohltemperierte Violine“ auf, ein facettenreicher Rückblick auf seine ereignisreiche musikalische Laufbahn. Seit 2006 ist er Künstlerischer Leiter des Musikfestivals Rüttihubeliade in der Schweiz.

János Rigó (Cimbalom)

Neben der Violine ist das Cimbalom (Hackbrett) das wichtigste Instrument einer Zigeunerkapelle. Seine Bedeutung als geeignetes Begleit- und Füllinstrument nahm in Ungarn mit der Verbreitung der Zigeunerkapellen zu. Um 1870 perfektionierte der Budapester Instrumentenbauer József Schunda dieses wunderbare Instrument, das bei den Kapellen immer wieder auch Solo- Aufgaben übernimmt. Der aus einer Musikerfamilie stammende und in Budapest geborene Cimbalist János Rigó begann sein Studium als siebenjähriger bei seinem Großvater und beendete es am Béla Bartók- Konservatorium in Budapest. Als vierzehnjähriger wurde er vom berühmten Zigeunerensemble Rajkó engagiert. Dies war der Anfang einer Karriere, die es ihm ermöglichte mit Ungarns besten Zigeunerensembles zu spielen und mit Orchestern wie dem Orchester der hundert Zigeuner, dem Nationalen Volksorchester sowie den Wiener Symphonikern als Solist aufzutreten. 1968 errang er beim großen Cimbalom Wettbewerb in Sofia unter 65 Teilnehmern den zweiten Platz hinter der rumänischen Cimbalom- Legende Toni Jordache. In Ungarn ist er auf unzählige Aufnahmen zu hören u.a. mit den Kapellen von Sándor Lakatos, Déki Lakatos, Ferenc Sánta und László Berki. Mit Karel Boeschoten verbindet ihn eine langjährige Zusammenarbeit. Eines der Höhepunkte war sicher der gemeinsame Auftritt am Jazz Festival Montreux im Jahre 2001.

János Dani (Bratsche) / István Farkas (Bratsche)

Eine immens wichtige Funktion hat der Contra-Spieler. Meistens auf einer Bratsche (manchmal einer Violine) füllt er die Begleit-Harmonien bei den Nótas. Auch bestimmt er zusammen mit dem Bassisten die Basisbegleitung (im estam oder düvö- Rhytmus) zum Csárdás, Walzer oder zu einer Romanze. Auf der Live- Aufnahme hören wir János Dani. Er ist ein sehr erfahrener und gefühlvoller Musiker, sowohl auf seiner Bratsche als auch auf der Gitarre, was der Begleitung einen zusätzlichen Glanz verleit. István Farkas studierte an der Zigeunermusikschule Rajkó. Durch die weltweiten Auftritte mit dem Ensemble dieser renommierten Schule, erwarb er viel Erfahrung und ein großes Repertoire dieser Musik. Seine enge Zusammenarbeit mit dem bekannten Orchesterleiter Gyula Farkás machte ihm in Ungarn zu einem sehr gefragten Musiker. Zurzeit tritt er häufig im Grand Hotel Hungaria in Budapest auf.

András Puporka (Klarinette) / Dezsö Oláh (Klarinette)

Neben seinen Soli und virtuosen Variationen spielt der Klarinettist gewöhnlich die Melodie gleichzeitig mit dem Primás und doch bewusst ganz anders. Wenn er sie nicht anders (klarinettmässig) spielen kann, gilt er als kein guter Zigeunermusikant. Sehr gute Musiker sind hingegen die zwei Klarinettisten auf dieser CD. Auf der Live- Aufnahme ist der wunderbare András Puporka zu hören. Er gilt Heute in Ungarn als die Nummer eins unter den Zigeunerklarinettisten. Aufgewachsen in einer Musikerfamilie bekam er bereits mit drei Jahren Violin-Unterricht bei seinem Vater. Acht Jahre später wechselte er zur Klarinette und wurde Schüler von Imre Fejes (ehemaliger Solo- Klarinettist der Pariser Oper). Seine lange erfolgreiche Laufbahn begann er 1969 beim Ensemble Sándor Déki Lakatos in Budapest. Seither findet man ihn bei den berühmtesten Zigeunerkapellen u.a. Lajos Boross, Sándor Járóka, Sándor Buffó Rigó, Kálmán Oláh und Géza Berki. Außerdem ist er Solo- Klarinettist des Orchesters der hundert Zigeuner. Eine große Ehre wurde Puporka zuteil als er von der Klarinetten-Legende Benny Goodman als Annerkennung, eine Miniatur-Kopie von Goodman’s Klarinette bekam. Immer wieder spielt er auch das Tárogató. Das Tárogató (eine Art Mischung von Klarinette und Oboe), ist um 1896, anlässlich der ungarischen Millieniumsfeier in der bereits oben erwähnten Budapester Instrumentenfabrik Schunda entstanden. Ein anderer Meister-Klarinettist ist Deszö Oláh. Auch er ist in einer Musikerfamilie aufgewachsen, studierte an der Rajkó-Schule bevor er Mitglied berühmter Kapellen wurde. Zu erwähnen sind die Kapellen von Lájos Boross und Sándor Buffó Rigó.

Pál Sárközi (Kontrabass) / Lájos Losó (Kontrabass)

Sowohl Pál Sárközi als auch Lájos Losó entstammen Kontrabassfamilien. Auch sie studierten zuerst an der Rajko Schule bevor sie sich namhaften Kapellen anschlossen. Sárközi trat zudem zusammen mit János Rigó und Karel Boeschoten im Jahre 2001 am Jazz Festival Montreux auf. Losó ist zurzeit Mitglied der erfolgreichen Kapelle von Ferenc Sánta. Die Kontrabassisten sind den Kapellen eine große Stütze denn sie geben rhythmische und melodische Impulse und sind gleichzeitig ein wichtiger Anhaltspunkt für den Cimbalisten, da der Kontrabass immer den Grundton der Harmonien angibt. Auch typisch sind die Glissandi des Bassisten bei den langsamen Liedern, als suche er den gewünschten Ton.

Discographie

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